Reich werden im Internet dank Online-Gurus: Ein Kommentar.

„Jeden Tag mindestens 150€ verdienen – das klingt gut oder? Hallo mein Name ist Max Mustermann, und ich möchte DIR zeigen, wie auch DU mit nur wenig Aufwand und ganz im Handumdrehen monatlich tausende Euros online verdienen kannst! Alles was du dafür tun musst, ist dich für mein kostenloses Webinar mit deiner E-Mailadresse anzumelden. Die Teilnahme daran ist vollkomen kostenlos und die Plätze sind begrenzt! Lerne durch exklusive Einblicke in meine Erfolgstechniken, wie auch Du mit dem Internet reich werden kannst. Meld‘ dich also so schnell wie möglich an!“

Mit solchen oder ähnlich banalen Worten werde ich in letzter Zeit von Werbekampagnen auf YouTube überschüttet. Eine Schande, dass mein AdBlocker derzeit nicht macht, was er sollte. Und doch ging mir diese Sache nicht mehr aus dem Kopf.

Das Reichwerden im Internet wird im Internet gepredigt

Sie selbst bezeichnen sich als Profis ihres Faches – wahre Experten des Online-Marketings – und geben an, sie hätten hunderttausende, wenn nicht gar Millionen Euros mit dem Marketing über das Internet verdient. Um dies zu demonstrieren, posieren sie in maßgeschneiderten Anzügen vor teuren Autos, Award-Sammlungen und in Büros mit Panorama-Blick. Und da diese Menschen neben ihrer prall gefüllten Brieftasche auch ein ebenso großes Herz besitzen, wollen sie ihr Wissen nun mit dem gemeinen Bürger teilen, um auch ihm zum schnellen Reichtum zu verhelfen. Das mutet schon beinahe nach Robin Hood an und klingt doch in allen Punkten logisch, oder?

Nun, eines mag ich nicht bezweifeln: derartige Online-Marketers verstehen ihr Fach tatsächlich gut. Und auch möchte ich ihnen ihren Reichtum nicht absprechen. Ganz im Gegenteil. Durch ihre Business-Modelle lässt sich zweifelsohne gutes Geld verdienen. Doch auf wessen Kosten? Wie funktioniert das „online reich werden“ denn wirklich? Ein Kommentar.

Dass gerade mir als Online-Menschen die penetranten Werbekampagnen immer wieder eingeblendet werden, ist sicherlich kein Zufall. Das Stichwort lautet in diesem Kontext personalisierte Werbung. „Big G“ weiß eben, was mich im Internet beschäftigt, und was nicht. Doch um ehrlich zu sein stört mich bis zu einem gewissen Grad gar nichts an personalisierten Werbeanzeigen. Stattdessen finde ich es sogar immer wieder interessant, diese Werbung zu analysieren und bis ins kleinste Detail auseinanderzunehmen.

Infolgedessen muss nun also Max Mustermanns „Reich werden ohne Arbeit im Netz“ (Formulierung sinngemäß) dran glauben. Max Mustermann könnte man im Übrigen mit jedem beliebigen selbsterkorenen Internet-Marketing-Gott austauschen – ich halte mich diesbezüglich aber lieber bedeckt, da ich der Branche nicht nur feinstes E-Marketing, sondern auch die besten Abmahnkanzleien zutraue. Doch kommen wir nun etwas mehr zu Sache.

Die Masche der Vermarktung digitaler Infoprodukte über digitale Infoprodukte

Im Grunde genommen haben alle Max Mustermanns eines gemeinsam: sie versprechen dem Bürger ohne jegliches Know-How und mit nur wenig bis gar keiner Arbeit Geld ohne Ende zu machen. Dabei spielen sie mit den Träumen und Wünschen vieler Menschen, die sich ein besseres Leben erhoffen. Ja, sie holen uns mit ihren Kampagnen förmlich dort ab, wo wir abgeholt werden wollen. Sie versprechen uns, Wege zu eröffnen und aufzuzeigen, von denen wir bisher nicht einmal wussten. Sie präsentieren sich als Idol und Mentor gleichermaßen. Doch außerdem sind sie vor allem eines: skrupellose Geschäftsleute.

Denn jeder, der die inhaltslosen Werbeslogans etwas weiter hinterfragt und nicht gleich völlig enthemmt seine E-Mail-Adresse für die perversesten E-Mail-Marketing-Listen aller Zeiten hinausschleudert, wird früher oder später hinter das wahre Geschäftsmodell dieser Menschen kommen. Es wird schnell klar, dass es sich hierbei um eine amüsante Realsatire handelt, bei der „Macher“ angehenden „Machern“ predigen, wie sie „Kunden“ gewinnen und Umsätze fahren können, während es eigentlich nur eine einzige Seite gibt, die von diesem Modell wirklich profitiert. Wir sollten verstehen, dass die angehenden „Macher“ nämlich für den Online-Marketer nichts anderes als reine Kunden sind – erst über sie verdient er das Geld, von dem seine Kurse, Webinare, E-Books oder sonstige Wegwerfprodukte handeln. Sie sind es, die ihn reich machen. Sie sind diejenigen, von denen er spricht, wenn er über Kundengewinnung redet.

1.400 € verlieren, während andere 1.400 € verdienen

Dies zu begreifen fällt anfangs sicherlich nicht leicht, vor allem, wenn man schon einmal mehr oder minder bereitwillig zum „Opfer“ geworden ist. Ich erinnere mich, dass mir ein ehemaliger Arbeitskollege damals stolz davon berichtete, er würde jetzt einen professionellen Online-Kurs für Affiliate-Marketing besuchen und in nur wenigen Wochen die große Kohle machen und seinen ursprünglichen Arbeitsplatz endlich verlassen können. Er gab an, über 1.400€ für den ominösen Werde-schnell-reich-Kurs ausgegeben zu haben. Ich lenkte nach seiner umfassenden Schwärmerei darüber ein, dass dies kaum realistisch sei – vor allem nicht dann, wenn er seinen Erfolg allein von einem digitalen Info-Kurs abhängig machen würde. Doch ich traf auf taube Ohren. In den Wochen darauf legte mein ehemaliger Kollege nur noch wenig Wert auf seine eigentliche Arbeit – zu sehr war er mit der Träumerei vom vermeintlich bevorstehenden Reichtum beschäftigt. Zu sehr hatten ihn die ausgeklügelten Psychotricks seines neuen Internetidols in den Bann gezogen.

Das Blatt sollte sich jedoch wenden. Nach etwa einem Monat berichtete er mir, der Oberguru-Mega-Experte habe ihn im persönlichen Skype Gespräch seine Fähigkeiten aberkannt, ihn sogar ausgelacht und bezweifelt, er würde es überhaupt zu irgendetwas in seinem Leben schaffen. Mein Kollege war sauer, wollte sein Geld zurück. Doch das war weg. Der sympathische Netzguru verwies ihn nach seiner Bitte auf Rückerstattung zum Rechtsweg. Die Folgen für meinen Kollegen? Nun, nicht nur dass er 1.400€ in den Sand gesetzt hatte – nein – dadurch, dass er seinen eigentlichen Job in der letzten Zeit so vernachlässigt hatte, sollte es so kommen, dass er auch diesen verlor.

Die traurige Realität

Am Ende der Geschichte traf ich einen arbeitslosen, verschuldeten Mittzwanziger des Nachts in der Stadt, als er betrunken über sein ruiniertes Leben philosophierte. Natürlich möchte ich mit dieser Anekdote nicht behaupten, der feine Herr wäre nicht maßgeblich selbst für sein Schicksal (mit)verantwortlich gewesen. Doch die Geschehnisse machten mir noch einmal erneut deutlich, wie tief man fallen kann, wenn man sich „auf dem Weg nach oben“ blenden lässt. Und wenn es eine Verkörperung für den Begriff Blender gäbe, so würden die posierenden Selfmade-Anzugträger wohl kaum ein besseres Beispiel dafür sein können. Zudem sollte jedem klar sein, dass sich hinter den hochgepriesenen Online-Mentoren zumeist dubiose LTDs aus Timbuktu und skrupellose Business-Modelle verbergen, die einzig auf Gewinn ausgerichtet sind. Letzten Endes geht es nämlich immer nur um eines: das Geld. Und ins Fäustchen lacht sich für gewöhnlich der, auf dessen Konto es landet.

Ramón

Ramón

Querdenker, Texter und Suchmaschinenoptimierer - der Schreiberling hinter Netzhappen.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.